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Feministischer Rachefeldzug

Eine Frau sitzt betrunken in einem Club, die Augen fallen ihr schon halb zu und sie kann sich kaum noch aufrecht halten. Eine Gruppe Männer wittert die Beute, der good guy unter ihnen opfert sich schließlich, die Frau nach Hause zu bringen. Er will ihr natürlich nur helfen und sich nicht über ihren halb bewusstlosen Körper hermachen – selbstverständlich. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was als nächstes passiert. Bis sich die Frau plötzlich erhebt und mit glasklarer und eiskalter Stimme fragt: „Was machst du da?“ Und nun ist sie stocknüchtern. 

#MeToo als Thriller

„Promising Young Woman“ ist die Inszenierung der #MeToo Bewegung als Rachethriller, für den die Drehbuchautorin und Regisseurin Emerald Fennell den Oscar für das beste Originaldrehbuch gewonnen hat. Protagonistin Cassie (Carey Mulligan) war einst eine hoffnungsvolle Medizinstudentin (daher der Titel „Promising Young Woman“), die ihr Studium abgebrochen hat und nun unterbezahlt und überqualifiziert in einem Café arbeitet und bei ihren Eltern wohnt. Weder Geld noch Karriere interessieren Cassie, denn sie hat sich – seit dem Selbstmord ihrer Freundin Nina – ein anderes Ziel gesetzt. Alles, was sie dafür tun muss, ist sich nachts in Clubs zu begeben, ein bisschen betrunken zu spielen, und zu warten bis der nächste good guy anbeißt.

Promising Young Woman
Carey Mulligan in „Promising Young Woman“

Rache, aber feministisch

Fennell prangert mit ihrem Regiedebüt nicht bloß die Täter sexuellen Missbrauchs an, sondern eine Gesellschaft, die Vergewaltigungen und Grenzüberschreitungen duldet, klein redet und entschuldigt – auch die Frauen bekommen ihr Fett weg. Der vielversprechende Student wird von der Universität gedeckt und verteidigt, Vergewaltigungen werden als gängige „Jugendsünde“ abgetan („we were just boys“) und Frauen wird die Schuld gegeben, wenn sie zu viel getrunken haben – denn Vergewaltigungen sind bekanntermaßen legitim, wenn man betrunken ist.
Für jede Ausrede, jede Verschönerung und jede Verschleierung hält Cassie einen Vergeltungsschlag parat und begibt sich somit auf einen feministischen Rachefeldzug.

Die Hartnäckigkeit der kleinen Dinge

Achtung, Spoiler! Fennell schmückt diesen Thriller mit vielen Details aus: Da ist der Taxifahrer, der wegguckt, als sie halb bewusstlos im Taxi von einem fremden Typen gedrängt wird, mit ihm nach Hause zu fahren, obwohl sie eigentlich schon einmal nein gesagt hat. Das Glas, das ihr doppelt so voll wie ihrem Gegenüber gereicht wird, obwohl sie bereits vollkommen betrunken ist. Die Bauarbeiter auf der Straße, die ihr erst hinterher pfeifen und sie dann direkt mit „Fuck you!“ beschimpfen, als sie sie einfach nur zurück anstarrt und sie damit in der gleichen Weise zum Objekt macht. 

Und natürlich der Wendehals, der in einer Gesellschaft konstant intakt ist, in der zwar offiziell alle gegen Vergewaltigungen sind, es in der Realität aber dennoch die ganze Zeit passiert. Das offenbart sich in dem Mann, der ihr Kokain verabreicht, obwohl sie es abgelehnt hat, um ihr danach – tief in die Augen starrend – zu verkünden, dass er Make Up hasse, weil es insgeheime Teil des Systems sei, dass Frauen immer noch unterdrücke. Ein Taxi möchte er ihr nicht rufen, als sie danach fragt, aber als sie sich plötzlich als nüchtern zu erkennen gibt, kann er es kaum abwarten, dass sie endlich die Wohnung verlässt.

Der moralische Anspruch

Interessant ist auch, wie der Film das Thema Vergebung und Reue aufarbeitet. So fest entschlossen Cassie in ihrer Mission auch ist, ist sie dennoch kein kaltblütiger und empathieloser Racheengel. Sie ist keine skrupellose (Anti) Heldin ohne Gewissen wie Emerald Fennell sie in der zweiten Staffel „Killing Eve“ (die von ihr geschrieben wurde) in Villanelle verwirklicht hat. Sie hinterfragt sich selbst, ihre Methoden und sie hat eine moralisch-lehrhafte Intention, tut die Dinge nicht um der Rache oder Gewalt willen. Diese Ambivalenz ist es auch, was die Figur und den Film so fesselnd macht: Cassie kämpft nicht nur gegen die anderen, sondern auch mit sich selbst. Als ihr ein Mann – für den sie einen Racheakt geplant hatte – flehend vor den Füßen liegt und sie um Verzeihung bittet, in Einsicht seiner Fehlhandlungen, gerät ihre Welt für einen Moment aus dem Gleichgewicht und alles beginnt zu wackeln. Mit einem Akt der Reue dieser Art haben weder Cassie noch die Zuschauer*innen zu diesem Zeitpunkt im Film gerechnet und es passiert etwas Erstaunliches: In Tränen aufgelöst vergibt sie ihm und lässt ihre Pläne ins Wasser fallen. Das ist ein wichtiger Kontrast zu anderen Konflikten im Film, in denen keine Amnestien gewährt werden, schlicht und einfach aus dem Grund, dass keine Reue gezeigt wird. Es wird sich an allen gängigen Phrasen, von „not my fault“ bis hin zu „innocent bystander“, bedient, denn Schuld sind bekanntlich immer die Anderen. Mit dieser Art des Gaslighting rechnet Promising Young Woman radikal ab. Merke: Nur wer einsichtig ist, kann Vergebung erlangen. 

„Es war alles ein Unfall”

Ein letzter nennenswerter Aspekt wäre im Zusammenhang dazu auch die Art und Weise, wie Tätern (von ihrem eigenen Umfeld) zugeredet wird, dass sie nichts falsch gemacht hätten. Das geschieht gegen Ende des Films, als eine Vergewaltigung offengelegt wird – per Video, also eindeutig und unumstreitbar. Dennoch wird dem Täter akribisch von seinem besten Freund versichert, er hätte nichts falsch gemacht, es wäre ein Unfall gewesen und generell werde das Ganze schon keine Konsequenzen haben. Mit der Vergewaltigung wären sie vielleicht sogar noch durchgekommen, als es dann aber noch um einen Mord geht, schaltet sich dann doch die Polizei ein. Und auch das ist bezeichnend: Es muss erst Blut fließen bis die Samthandschuhe ausgezogen werden, die Worte einer Frau reichen nicht. 

Am Ende geht niemand wirklich glücklich aus dem Kino raus. Irgendwie ist man dankbar, dass sich ein Film dezidiert dem Thema widmet, auf der anderen Seite verspürt man aber auch etwas Wut und Verzweiflung – im Grunde genommen also dasselbe wie bei der #MeToo Bewegung. Auf den erleichternden Moment muss man noch warten. 

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